Portraitfotografie: Was bleibt, wenn wir alles weglassen?
- Iwan Studer
- 28. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. Juli
Es gibt eine Frage, die mich seit einigen Jahren begleitet.Nicht nur als Fotograf, auch als Mensch.
Was bleibt, wenn wir alles weglassen, womit wir einen Menschen beschreiben?
Beruf. Herkunft. Geschlecht. Hautfarbe. Religion. Orientierung. Erfolge. Fehler. Geschichte.
Vielleicht beginnt genau dort meine Art zu fotografieren. Bevor ich den Auslöser drücke, versuche ich, all diese Begriffe für einen Moment zurücktreten zu lassen. Nicht, weil sie unwichtig wären – sie prägen Biografien, formen Identität, öffnen Wege oder versperren sie. Und doch erzählen sie niemals den ganzen Menschen.
Mit jeder Begegnung wächst in mir die Überzeugung, dass wir viel zu oft über das Sichtbare definieren. Wir sehen Rollen, Merkmale, Zuschreibungen – und glauben im selben Augenblick, zu wissen, wer uns gegenübersteht.
Die Kamera hat mir gezeigt, wie trügerisch dieser erste Blick ist. Während eines Shootings geschieht etwas Leises, fast Unmerkliches: Je länger man miteinander Zeit verbringt, desto mehr verlieren diese Kategorien an Gewicht. Es entstehen Gespräche, Pausen, manchmal Stille. Und irgendwann sitzt mir nicht mehr eine Rolle gegenüber – sondern einfach ein Mensch. Vielleicht suche ich genau diesen Moment. Nicht den perfekten Ausdruck. Sondern den Augenblick, in dem ein Mensch aufhört, eine Rolle zu spielen.
Ein Gespräch mit Somea hat mir das besonders deutlich gemacht. Unterschiedliche Lebensrealitäten werden sichtbar – nicht, weil Menschen unterschiedlich wertvoll wären, sondern weil sie durch Erfahrungen geprägt sind, die für andere kaum Teil des Alltags sind. Und doch wird ein Mensch immer wieder auf einzelne Merkmale zurückgeworfen – oft durch den Blick der anderen.

Dieses Muster geht weit über das Geschlecht hinaus. Menschen werden auf Hautfarbe reduziert, auf Herkunft, Orientierung, Religion, Alter oder auf einen einzelnen Fehler. Und fast immer geschieht dabei dasselbe: Ein einziges Merkmal beginnt, den ganzen Menschen zu überdecken. Die Lebenswelt reduziert die Person auf das entsprechende Merkmal. Während ich mir keine Gedanken über den spätabendlichen Nachhauseweg mache, einfach als Mensch unterwegs bin, wird die Frau auf ihr Geschlecht zurückgeworfen, und ist in unserer Lebenswelt entsprechend gezwungen, sich über entsprechende Gefahren gedanken zu machen.
Vielleicht beginnt genau dort Ausgrenzung – nicht erst in Hass oder Gewalt, sondern viel früher, in der Reduktion auf eine oder einige wenige Facetten des Gegenübers. Eine Art Herabsetzung einer wunderbaren, vielschichtigen und komplexen Person.
Ich glaube nicht an eine Welt, in der wir Unterschiede ignorieren. Das wäre weder ehrlich noch gerecht. Aber ich wünsche mir eine Welt, in der sie nicht das Erste und nicht das Letzte sind, was wir voneinander sehen.
Vielleicht wären wir besser unterwegs, wenn wir einander zuerst als Menschen begegnen würden – zu 99 Prozent Mensch und nur zu einem kleinen Teil all dem, was uns unterscheidet. Diese Zahl ist kein Fakt, sondern ein Bild. Eine Erinnerung daran, dass das Gemeinsame grösser sein könnte als das Trennende.
Je länger ich fotografiere, desto weniger interessieren mich Kategorien. Mich interessieren Würde, Verletzlichkeit, Hoffnung, Zweifel und Kraft – all das, was uns unabhängig von Zuschreibungen verbindet.
Vielleicht hängt genau damit auch mein Verständnis von Vergebung als Bezug zu meinem neuen Projekt zusammen. Vergebung bedeutet nicht, Schuld zu relativieren. Sie bedeutet, hinter einer Geschichte wieder einen Menschen zu sehen – nicht den Täter, nicht das Opfer, nicht den Fremden, sondern einen Menschen.
Vielleicht beginnt Humanismus genau dort: nicht in der Behauptung, wir seien gleich, sondern in der Überzeugung, dass jeder Mensch mehr ist als jede Kategorie.
Wenn ich fotografiere, versuche ich genau das sichtbar zu machen: nicht das Etikett, nicht die Rolle, sondern den Menschen.
Vielleicht ist das der Grund, weshalb dieses Projekt Farbenblind.Art heisst. Nicht, um Unterschiede zu übersehen, sondern um hinter ihnen etwas zu erkennen, das uns verbindet.
Denn bevor wir Männer oder Frauen sind, bevor wir Schweizer oder Ausländer sind, bevor wir erfolgreich oder gescheitert sind, sind wir zuerst eines: Menschen.
Und vielleicht beginnt genau dort das schönste Porträt, das wir voneinander machen können.




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